Viele tausende Schubladenverzettelungen

Ständig nehme ich mir vor Listen zu machen. Listen an denen ich ablesen kann was gewesen ist. Eine Liste mit den Büchern z.B., die ich las, eine mit den Filmen, die ich sah, eine mit den Radiosachen, die ich hörte und sowieso ist das Bedürfnis alles festzuhalten, die Tage im Kopf zu behalten, immer wieder gross. Dann stelle ich fest, dass es nicht funktioniert. Die Listen kommen mir schon kurz nach ihrer Erstellung ganz schnell wieder abhanden und die Disziplin, die ich während der ersten Eintragungen noch besaß, verliere ich ebenfalls schnell wieder. Lieber krakel ich dann doch wieder nur Notizen auf alte Bonrollenfetzen (die hervorragende Idee einen Roman auf einer endlos sich aufrollenden Bonrolle -mit der Hand- zu schreiben, verlief jedoch leider ebenfalls schon nach wenigen Metern im Sande). Ich hoffe, dass ich irgendwann einmal wieder geboren werde, also als diejenige, die ich jetzt schon bin, aber eben nochmal von Anfang an, und dann alle angefangenen Projekte beenden kann. Die Listen, den Bonrollenroman, den Roman namens „Die Milben meiner Kindheit“ und all die vielen tausenden Schubladenverzettelungen, die meine Schränke inzwischen beherbergen, b e e n d e n. Für ein gut sortiertes und somit erfolgreiches Schriftstellerleben, geben meine Arbeitsmoral und meine Ordnungssysteme, innerlich, wie äußerlich, momentan zumindest, zu wenig her. Es gelingt mir einfach nicht mich in eine Systematik einzufinden. Immerzu mäandere ich von einem Zettelkasten zum nächsten, und schwirre in meinen Erinnerungen, ebenfalls immerzu, in die dunklen Ecken, wo mir dann nichts ausser kalter Hund, den ich gar nicht gut vertrage, gereicht wird. Die Vergangenheit im Allgemeinen ist ja immer irgendwie unschön, egal wann sie stattfand und somit sollte es im Grunde reichen sich der Listenerstellung und dem fehlenden Ordnungssystem zu widmen. Am Fenster zieht es und der Mitbewohner legt einen alten Teppich als Zugwurst an den pfeifenden Spalt. Dann zieht es nicht mehr. Eine ungeheuerliche Erinnerung ist übrigens der letzte Besuch des C&A`s am Ku`damm vor einem Jahr. Niemals werde ich dieses Elend dort vergessen. Klamotten ohne Seele, ein Tempel der lieblosen Warenanpreisung. Die Maske tat ihr Übriges. Kein Vergleich zum Besuch davor, der vermutlich Anfang der Tausender Jahre stattgefunden hatte. Man freute sich damals tatsächlich noch auf eine neue Hose, ähnlich wie Martin Schwab als Peymann sich in Bernhards „Hosenstück“ am Burgtheater, ganz enorm über eine solche freute, freute ich mich ebenso damals. Heute bestellt man alle Grössen im Netz, pupt hinein und schickt alles zurück, um sich dann nochmal eine Ladung in einem anderen virtuellen Massengrab zu bestellen. Tragt doch mal wieder was auf, Leute! Also die Hose mal wieder so lange tragen, bis sie einem vom Leibe fällt. Wie wärs? Du dämliches bzw. männliches Konsumentenvolk.

© Bettie I. Alfred, 4. Mai `21