Der ewige Gibberellineffekt

Der Mitbewohner beschwert sich, dass direkt neben der Toilettenschüssel das Buch „gesund Essen“ liegt. Demnächst lese man beim Frühstück das Buch „gute Verdauung“. Die Bibliothek hat wieder auf. Ich war als erste da. Es gibt lauter neue Bernhardbücher. Viele auch mit Bildern. Eins heisst Hab und Gut und zeigt die Häuser Bernhards in allen Einzelheiten. Wundervolle Fotografien. Ich sitze schief und auf dem Sprung an meinem Schreibtisch und will nur kurz mal in dieses Werk hineinsehen, doch ich verweile bis ich es durchhabe, so schön ist das Buch. Traurig, TH. B. hatte alle Dachböden für Gäste, die er nie hatte, ausgebaut. Betten sind zu sehen mit samtigen Überdecken und viele selbstentworfene Möbel und Küchen. Meistens war er wohl allein und genoss die eisig kosmische Einsamkeit. Ich kenne inzwischen einige Menschen die solche „Gästebereiche“ pflegen und hegen, ohne jedoch Gäste zu haben. Alle die, die dagegen tatsächlich Gäste haben, haben keine Gästebereiche und betten diese auf Matratzen am Boden oder sogar lediglich auf Sofas. Ich hab auch ein Sofa, auf dem zumindest ein schlanker, nicht zu langer Gast, nächtigen könnte. Einmal schlief der Vater aus Berlin, als er mal einen Vortrag in Mainz halten musste, bei der Oma, die dort wohnte. Sie trafen sich dann des Nachts zufällig auf dem Flur der kleinen Wohnung. „Du fescher Kerl!“ hätte die Oma dann zum Vater, der nicht ihr Sohn, sondern lediglich ihr geschiedener Schwiegersohn war, gesagt und sei kichernd im Bad verschwunden. Muss wieder an Bernhard denken. Es gibt Literaturmenschen, die sagen, daß sich viele posthum eine Nähe zu ihm anmaßen, die er sich zu Lebzeiten verbeten hätte. Das stimmt sicherlich, aber ist das nicht mit jedem verstorbenen Griesgram so? Oder sogar erst recht bei fröhlich anmutenden Sonnenscheinen? Beinhaltet nicht die gewisse Dignität eines jeden berühmten Schriftstellers, diese Problematik? Ich denke, der, der das so kritisierte, ist sicher einer, der eine Nähe zu Th. B. am allermeisten ersehnte. Natürlich möchte man gern frei sein von solch offensichtlicher Bedürftigkeit. Jedoch, You can`t have the cake and eat it. Also entweder du bist ein Freund eines bestimmten Stils, oder eben nicht, aber man kann nicht auf allen Hochzeiten tanzen. Was genau möchte ich nun wieder damit sagen? Ich ahne was ich meine, das reicht. Eins steht fest, dieses Jahr werde ich keine Sonnenblumen auf der Nordseitenfensterbank aussäen, man kann es noch so sehr wollen, dass sie Sonne in die Finsternis bringen, sie werden durch den klassischen Gibberellineffekt nur lang und dünn, ohne gross eine Blüte auszubilden. Stattdessen werde ich einfach gucken was kommt, denn, es kommt immer etwas. Völlig unverhofft!

© Bettie I. Alfred, 23.2.21