Kwas

Aus dem Lautsprecher der oben an der Decke hängt, dröhnt eine scheppernde Frauenstimme: „Frau Amende mit der schweren Kindheit bitte in Zimmer 113!“ Niemand reagiert. Alle gucken mich an. Nach ein paar Minuten kommt eine Frau in den Raum und zeigt auf mich. „Sind sie das nicht ?“ Alle glotzen mich noch mehr an. Ich möchte im Boden versinken. Dann wache ich auf. Gar nicht schlecht gewesen der Traum, denk ich. Ein guter Regisseur! … Frau Amende, nicht schlecht so ein Unterbewusstsein. Telefoniere dann, also wach, mit dem Vater, der naturgemäß erheblich älter ist, als ich. Er prahlt mal wieder mit seiner Power. Zurecht, denn er ist dermassen fit, daß ich andauernd vor Neid erblasse. Geht Joggen, drei mal die Woche. Auch bei Glatteis. Er schliderre dann, so wie auf Skiern, sagt er. Danach dusche er, wie jeden morgen erstmal lange eiskalt. Zudem trinke er jeden Tag mehrere Gläser seines selbstgezüchteten Kwastrunks (japanischer Teepilz). Ich solle auch mal Sport treiben. Ich sage, das ich viel Yoga, und zwar stundenlang den „toten Mann“ machen täte. Er denkt das sei die Übung, wo man wie bei Tarkowskies Opferfilm, über dem Bett schwebt. Ich lache, und entgegene: Nein, das sei eine andere, man liege dabei auf dem Rücken und versuche zu entspannen. Der Vater lacht. Das sei kein Sport, sagt er. Ach nee, denk ich und sage: Schriftlich und geistig würde ich mich aber sehr oft mit Bewegungsthematiken befassen. Das unvollkommene Leben sei doch viel komischer, als dieses vorbildliche Gewese. Ich nehme mich zu ernst sagt der Vater dann. Das führe zu dieser typischen Alfredkomik. Ja, da hat er wohl recht. Dann zitiere ich einen Literaturwissenschaftler: Karl May fand in der nie ruhenden Gestaltung seines Wunsch-Ichs Befreiung von trüber Vergangenheit! Jajaa, sagt der Vater, und dass ich gar nicht so dumm sei, wie man vermuten würde. Wenn ich nun noch Sport treiben würde, könnte ich vom Asthenikerdasein zum Kraftprotzdasein wechseln. „Innen“ sag ich. Wie innen? fragt er. AsthenikerInnendasein, sag ich. Stimmt, sagt er und: Ich denk immer du bist ein Alfred. Ich muss lachen und der Traum ist dann nur noch kurz Thema. Kindheiten sind immer ziemlich suboptimal, sagt der Vater dann noch. Typisch mein Vater.

© Bettie I. Alfred, 17.2.21