Die Last der Berge

Woher kommen nur diese unnatürlichen Müdigkeiten, die einem überall begegnen. Natürlich sind wir in dieser Situation, dieser merkwürdigen Situation, ihr wisst schon welche ich meine, diese Situation, die sich immerzu verdoppelt und anscheinend eine Unzahl von noch mehr Situationen in sich birgt, allen unseren Neurosen ausgesetzt wie ein Hund seinen Flöhen, die er nicht mehr los wird. Aber man kann doch weiterhin denken und leben, oder nicht ? Kontaktminimierung steht an erster Stelle. Hauptsache man darf noch den Kontakt zu sich selbst halten. Angenehm ist die Ruhe auf den Strassen. Das ist in einer Großstadt an einem Verkehrsknotenpunkt, an dem ich wohne, eine echte Genugtuung. Es gibt so einiges, was angenehmer erscheint. Ein gewisses Mitgefühl macht sich z.B unter Nichtfühlenden breit. Natürlich sind die Berge von Langeweile für alle eine grosse Last, doch waren sie das nicht schon immer und treten momentan nur deutlicher hervor? Der Kontrast ist natürlich neu und auch phänomenal: die Pauke der Endzeit dröhnt wie nie zuvor und doch ist es Still wie nach dem Schuss. Beim Spazierengehen liegt ein Eichhörnchen rücklings unter einem Baum direkt an der Strasse. Es ist tot. Sein Fell ist wunderschön, als hätte es gerade gebadet und jemand es geföhnt. Sein Bauch ist weiss wie Schnee. Die Füsse verharren im Greifreflex. Sein Maul ist blutig. Ich vermute einen Absturz. Der Mitgeher sagt: Auf keinen Fall. Die stürzen nie ab! Sie seien phantastische Kletterer. Auch ein phantastischer Kletterer kann abstürzen! Erwidere ich. Niemals! Meint der Mitgeher. Er vermutete dann Gift. Ich erinnere mich dann an Thomas Bernhard und dass er in Frost ständig von einem Wasenmeister (eine Art Förster, der die toten Tiere einsammelt) erzählt. Wer braucht denn sowas? dachte ich immerzu beim Lesen dieses Wortes. Nun weiss ich es besser. Das Hörnchen ist eigentlich völlig unversehrt, zumindest äusserlich. Ich frage den Mitgeher ob wir es mitnehmen und präparieren sollten, es sei ja wirklich wunderschön. Er zögerte dann und ich gab dann zu, dass ich besonders das Abbalgen (bei dem man das Fell vom Innenleben abzieht) scheuen würde, ansonsten sei das Präparieren von verstorbenen Tieren das Einzige, was in diesen Zeiten eigentlich noch Sinn machen täte. Es gäbe schließlich unfassbar schönes Getier. Allein dieser Eichhornpelz sei ein echtes Wunder der Natur. Wir liessen das Tier dann leider liegen. Ein unbefriedigendes Gefühl umschleicht mich dann auf dem Nachhauseweg. Zum Glück werde ich dann Zeuge eines erheiternden Vorfalls. Ein sehr kleiner viereckiger Mann mit Hut versuchte am Imbiss „Bratwurst 34“ eine Currywurst über die für ihn unüberwindbare Coronaabwehrfront aus Stehtischen zu hangeln. Kurz bevor das Mal herabstürzte griff ich zu und reichte es ihm unversehrt. Hätte ich in diesem Moment das tote Eichhorn in den Händen gehabt, hätte der Wursttransfer sicher nicht so gut geklappt. Höchstwahrscheinlich sogar gar nicht. Ich hätte mich entscheiden müssen. Zuhause lese ich dann im „Urschrei“, dass die Neurosen des Menschen im Alter von 0 – 7 Jahren nahezu vollständig ausgebildet werden. Der Weg aus ihnen heraus dauert dann ebenfalls ca. sieben Jahre, also sagen wir mal von 33 bis 41. Wie gut, wenn man das hinter sich hat und nicht mehr in Verlegenheit kommt eine Digitalanalyse bewerkstelligen zu müssen. Wenn ich mir vorstelle ich hätte eine Psychoanalyse per Videokonferenz machen müssen… Nicht auszudenken das stundenlange Geschweigen des Arztes durch das Gerät hindurch.
Mehr „Future“ kann man sich kaum noch vorstellen.


© Bettie I. Alfred, 17.11.2020

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