Mißverständnisse

Meine Bücherregalwand droht zur Seite zu kippen. Sie besteht aus drei einzelnen Regalen, die ich mit sogenannten Schraubzwingen aneinander gezwungen habe. Obenauf habe ich mit Hilfe einer irrwitzigen Stützkonstruktion, die fürs Gewicht, was oben zusätzlich aufliegt, viel zu dünn geraten ist, einen Aufbau gebastelt. Ja, gebastelt ist das richtige Wort, denn für gebaut, ist er viel zu filigran geraten. Nun biegt sich das Ganze enorm zur Seite und ich hoffe, dass ich nicht da bin, wenn es zusammenkracht. An die 2000 Bücher würden dann durcheinanderfliegen, und die zusätzlich obenauf getürmten Trickfilmkulissen bildeten die Spitze des Bücherbergs. Bücher sind leider wirklich schwer und der Trugschluss, sich mit ihnen zu umgeben, um belesener zu wirken, ist naheliegend. Mein Leben würde nicht reichen sie alle zu lesen, das steht schon mal fest. Zumal ich ein Buch mehrmals lesen muss, um es wirklich zu verstehen, wenn überhaupt machbar. Ich rede jetzt nicht von den Peanuts ….. wobei momentmal, da gibts auch Stellen, die ich erst beim zweiten Mal lesen verstanden habe. Von den 2000 Büchern habe ich schätzungsweise 1000 schon einmal gelesen. Davon gefallen haben mir maximal 30. Wieso also die ganze Bibliothek aufheben? Zumindest die, die ich nicht mochte, die Brechtleiste z.B. oder den Balzac, samt dem bekifften Castaneda, wieso nicht wenigstens diese entsorgen? Ganz klar, was wäre man für eine Schriftstellerin, die da dann sitzt in einem Zimmer mit einem Bücherregal, das lediglich so winzig wäre, wie ein Medikamentenschränkchen? Und ich möchte doch zudem ab und an einfach vorbei laufen an den vielen Rücken, sprich an den wahnwitzig langweiligen Titeln und schrägen Typen (Typografien), um mich an ihnen aufzurichten oder auch um mich einfach irgendwie inspirieren zu lassen. Leider hab ich zu wenig Geduld, um mir einmal die äußerst interessanten Literaturzeitschriften, wie den Kürbis oder die Furche (in der schon Bernhard veröffentlichte als ihn noch niemand kannte), die sich ebenfalls unter allem befinden, durchzulesen. Ich selbst habe übrigens ein einziges Mal etwas in einer Literaturzeitschrift untergebracht (es gab viele Anfragen, so ist es nicht, die ich vorerst auch mit Ja beantwortete, doch, als mir klar wurde, was es bedeuten würde, veröffentlicht zu werden, schleunigst wieder verneinte, was die Betreiber der Zeitschriften zum Glück nur dann ärgerte, wenn die Fahnen schon abgenickt worden waren. Verständlich!). Das einzige Mal, als ich dann einverstanden war, fand dann statt im sagenumwobenen MASKENBALL und war dann jedoch kein Textabdruck, sondern man zeigte eine Collage von mir. Eine auf die ich tatsächlich bis heute stolz bin, weil sie mir als sehr gelungen erscheint. Ich schäme mich nicht für sie und das ist gut so. Es gibt nämlich tatsächlich Texte, bei denen ich sehr sehr froh bin, dass ich den Lektor oder mich selbst nicht von ihnen habe überzeugen können. Überhaupt gibt es ja die Meinung, dass ein Verlag eigentlich verpflichtet sein müsste, einem Autor sein Manuskript, für das er sich vermutlich, würde es veröffentlicht, einmal schämen würde, unbedingt zurückgeben sollte. Ich weiss nicht genau wo ich diese Meinung her habe, ich vermute sie fiel im Zusammenhang mit Thomas Bernhard. Jedenfalls ist sie ziemlicher Quatsch, denn woher soll denn der Verlag wissen wofür sich ein Autor einmal schämen wird. Da gibts ja, was diesen Punkt betrifft auch so schon die wildesten Mißverständnisse. Viele schämen sich ja außerdem, wenn überhaupt, dann für die Sachen, mit denen der Verlag schließlich am meisten Geld verdient hat. Da wär der Verlag ja schön blöd, wenn er auf das Schamgefühl eines Autors Rücksicht nehmen täte. Das erste Buch stürzt nun gleich vom immer schiefer stehenden Regal hinab. Es ist eins, das ich nur habe, weil ich den Titel falsch gelesen hatte. Ich las: Otto Ludwig, Die Heiterkeit. Ich kaufte es in einer dunklen Phase meines Seins und hoffte tatsächlich auf eine Aufmunterung und eventuell eine Anleitung dazu, um diese Heiterkeit zu erlangen. Ich begann dann darin zu lesen und ständig kam eine Frau namens die Heiterethei vor. Ein Blick aufs Cover lieferte mir dann die Verwechslung. Das Buch hiess nicht die Heiterkeit, sondern die Heiterethei und war eine Art witzig gemeinter Heimatroman. Getäuscht hatte mich aber nicht nur der falsch gelesene Titel, sondern auch das Cover, was einen piktogrammierten Baum zeigte, der einem eher ein Computerspiel aus den 80er Jahren in den Sinn brachte, als einen naturnahen Heileweltflair zu suggerieren. Dieses Buch wird nun also das erste sein das vom hohen Regalbrett stürzen wird. Doch die Konstruktion scheint noch ein bißchen zu halten. Vielleicht hält sie noch bis nächsten Sonntag, da habe ich nämlich Geburtstag.


© Bettie I. Alfred, letzte Woche bevor ich älter werde, 12.9.2020