Immer wieder voll mit Vollendungstendenzen

Manchmal träume ich, dass ich ein Buch schreibe. Dass es so richtig megamegamässig, wie die Jugend sagt, fliesst. Ich liege dann im Bett während ich träume und ärgere mich beim Schlafen, dass ich bald aufwachen werde und mich ärgern werde, dass dann alles weg ist, wenn ich wieder wach bin. Auch in real schreibe ich seit Jahren mühsam an einem Buch herum. Da immer wieder was anderes passiert in meinem Leben, dass dann bewirkt, dass ich alles umschreiben muss, nicht nur, weil es mir nicht mehr gefällt, sondern, weil ich neue Einsichten erlange, die dann nicht mehr kongruent sind mit den Einsichten, die ich vor 10 Jahren so hatte und mit deren Ansporn ich alles aufgeschrieben hatte, muss ich dann, mit neuen Einsichten bestückt, immerzu alles wieder umschreiben. Das sind manchmal ganz banale Sachen. Als ich anfing mein Buch zu schreiben, da war ich z.B. ganz dünn, ich schrieb also wie eine Dünne schreibt. Jung war ich auch noch und ich schrieb also wie eine junge Dünne schreibt. Jetzt bin ich mitteldick und mittelalt und habe eine ganz andere Einstellung zum Leben. Weil ich das Buch aber trotzdem gut finde und es keinesfalls ad acta legen will, und nun aber eben alles in einem anderen Licht erscheint, arbeite ich es also vollkommen um. Die Katzen, wichtig für eine gewisse Stringenz, sind zudem längst gestorben und neue kamen, also wechsele ich die Namen aus. Ich bin auch nicht, wie zu Beginn angekündigt, gestorben und habe zudem nun einen anderen Beruf ergriffen, nicht den, den ich damals angegeben habe. Nun muss ich also mein Weiterleben einbauen und den Beruf ändern, was zur Folge hat, dass ich eine deutlich andere Person werde, als die damals, zu Beginn des ganzen Schlamassels geplante. Ein Aussenstehender wird fragen, wieso ich nicht gleich ein neues Buch schreibe. Ganz klar, weil es ein gutes Buch ist, nur eben alles relativ falsch. Ich mache gerne altes neu und bin die letzte die sich ein Buch nach dem anderen aus den Finger saugen kann, so wie Woody Allen Filme macht. Jedes Jahr einen. Nein, das liegt mir nicht. Mir reicht eins, und das reicht mir, auch, wen es soz. ein ziemlich unstetes Wechselbuch ist.
Egal, jedenfalls werde ich es nun, es ist leider ziemlich dick und vielseitig, bis zum Erbrechen fertigstellen, denn meine Karriere ist bis jetzt so verlaufen, dass es nicht wirklich reicht, was ich bis hier ganz und gar fabriziert habe. Also es reicht schon, zum Weiterleben ja, das schon, aber nicht für den sogenannten Literaturpreis, den ich schon mit sieben Jahren so gerne einmal in den Händen gehalten hätte. Schon damals sass ich an meinem Kunstholzschreibtisch, der so hässlich war, dass ich in diesem Moment schon ahnte, dass an ihm keine Weltliteratur entstehen kann. Ich versuchte es trotzdem und kam über folgenden flatterhaften Satz einfach nicht hinaus:
Ich bin in einem Dorf in der Nähe des Kapuzinergebirges mit einem birnenförmigen Köpfchen geboren worden.
Dann ging es nicht mehr weiter. Das war damals schon typisch für mich, ich scheiterte immerzu nach fulminanten Anfängen. Wird das denn nie ein Ende nehmen? Quält es mich schon lange diese Frage. Neulich wachte ich auf dem Lande auf und wusste es genau, ich bin kein Göhte! Schade, aber so ist es nunmal. Wie viele große Schriftsteller war ich lediglich ein Kind, flabbergasted from puppetheatre*, und nicht mehr und nicht weniger. Und doch ist es nun soweit und ich werde mein Buch vollenden. Eine Frau – ein Wort.

* O-Ton Eugene Ionesco

© Bettie I. Alfred, 25. Juni 2020