Zuneigung

Die Welt dreht sich. Man merkt es kaum, aber es wird ja immer wieder dunkel! Habe ein Buch gesucht. Mein Lieblingsbuch war verschwunden. Ich erinnerte, dass ich es vor Kurzem stellenweise dem Ehemann vorgelesen und er mich gestoppt hatte, um lieber ein selbstgewähltes Buch weiterzulesen. Ich war nicht sauer, denn jeder empfindet eben etwas anderes als stark. Sein Buch hatte etwas mit einem Kolbenklemmer zu tun.
Da man nicht rausgehen soll, auch, wenn man es will, es nicht tun soll, auch, wenn die Veilchen blühen und man Appetit auf den Himmel hat, muss man sich zügeln und versuchen nicht aus dem Fenster zu sehen. Denn draussen ist ein Paradies zu sehen. Glasklarer Himmel. Es zieht einen regelrecht in die frische Luft hinein, wenn man nicht aufpasst. Also lese ich lieber, als gegen das Gesetz zu verstossen und ein Bußgeld zu riskieren. Mein Lieblingsbuch ist dick und ich kenne, obwohl ich es schon drei Mal gelesen habe, immer noch nicht alle Stellen so gut, dass ich sie im Gedächtnis aus dem Stehgreif herstellen kann.
Ich suchte es also, um nachzuschauen, welche Stellen ich nicht mehr weiss und vermutete schon das Schlimmste. Das Fastschlimmste wäre ja, dass ich es an einen Menschen verliehen hätte, der entweder verzogen, oder verblödet, oder gar verstorben ist. Dann wäre ein Wiedersehen unmöglich. Doch noch viel viel schlimmer, als diese drei Möglichkeiten, wäre es, wenn das Buch hinter die riesige Regalwand gefallen wäre. In diesen Bereich vordringen zu wollen, wäre mental wohl inzwischen schwieriger auszuhalten, als einen Toten ausgraben zu müssen und diesen um eine Rückgabe des Buches zu bitten. Einmal musste ich übrigens das Handy, welches im Regal ganz oben abgelegt und abgestürzt und natürlich ganz unten im Dreck gelandet war, wieder hervor“zaubern“. Ich will da gar nicht dran denken, jedenfalls hustete ich enorm dabei und bekam wegen des Staubes, der wohl noch aus den Zeiten von Wählscheibentelefonen gestammt hatte, und der zudem noch von Bergen alten Bohrputzes überlagert worden war (einmal bohrte ich viele viele Löcher für Hängeregale, die ich über den zahlreichen von zu viel Gewicht enorm schwankenden Stehregalen, angebracht hatte), und der zudem deutlich wahrnehmbar sogar noch den Nikotingeruch enthielt, den die Vormieter vor Jahrzehnten hinterlassen hatten, kaum noch Luft. Und bei Berührung der schließlich komplett verschmutzen Finger mit meinem Gesicht entstand dann als Krönung auch noch ein unangenehmer Ausschlag.
Wegen dieser unangenehmen Erinnerung und auch weil ich inzwischen schon über 40 Jahre alt bin, habe ich also nur oben in den Regalen nach meinem Buch gesucht. Eben ohne mich zu bücken und fand das Buch so nicht, weil es nämlich unten im Regal gelegen hatte, also ganz unten, wo man eben nicht hinsieht, wenn man kerzengerade vorm Regal steht. Diese enorme Angst vor der Rückenbeuge ist wirklich übertrieben. Jedenfalls ist das Buch nun wieder da und als ich es dann in Hockstellung vor dem Regal sitzend erblickte, da sprang mein Herz, als sei ein geliebter Mensch, der schon totgeglaubt war, doch noch  am Leben und ich nahm es und küsste es sogar. Nicht einmal meinen Mann küsse ich, wenn ich dachte er sei gestorben und ist es dann aber gar nicht. Was nicht heisst, dass ich ihn nicht über alle Maßen liebe. Das Buch jedenfalls küsste ich nun ausgiebig und war froh, dass es nicht durch Corona verseucht sein hätte können, denn es lag ja schon zu lange unberührt an dieser Stelle. Ich konnte in der Kindheit nie verstehen wie Jungs anstatt einer echten Frau den Starschnitt von Pamela Anderson abküssen und sich dabei gut fühlen konnten. Nun weiss ich, dass es doch geht  ein Papiergebilde zu lieben.  Das Streichen über einen Umschlag macht übrigens ein wunderschönes Geräusch. Es ist natürlich ein Hardcover, sonst täte man es nicht so stark hören.
Nun muss ich doch einmal hinaus gehen. Alleine darf man das ja! Also, auf zur Veilchenwiese! Ich ahne nämlich auch schon, dass die Blütezeit der kleinen Duftpflanze bald wieder vorbei ist und dann wieder ein Abschied ansteht, der nur schwer zu ertragen sein wird.

© Bettie I. Alfred, 25.3.2020


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