Offen für alte Hüte

Mit sechzehn Jahren wunderte ich mich bereits enorm über die Reisewut von den Mitschüler*Innen. Ich verstand das nicht, wieso immer alle andauernd irgend wo anders hin wollten, wie sie sagten, um etwas zu erleben. Man hatte doch in diesem Alter schon genug erlebt, um davon zehren zu können. Einschulung, Fahrradprüfung, Klassenreisen, Tod der Oma, Tod des Hamsters, Diebstahl, Hochzeiten, Erfindungen und so weiter und so fort. Was wollten diese energischen Jungs und Mädchen denn noch alles erleben? Eine Freundin ging sogar gleich ein ganzes Jahr nach Amerika. Ganz allein und ohne zu wissen wohin sie dort genau kommen würde. Als sie dann weg war vermisste ich sie enorm und schrieb ihr fast jeden Tag einen Brief. Auch einer anderen Freundin, die ebenfalls für ein Jahr in ein anderes Land zog, sie jedoch nicht ganz allein, sondern gleich mit der ganzen Familie, schrieb ich fast jeden Tag einen Brief. Ich war dann irgendwann bekannt als die, die alle „vollbrieft“. Ich liebte es damals Briefe zu schreiben. Obwohl ich gar nicht gut schreiben konnte, also jedenfalls schrieb ich, so weit ich mich erinnern kann, immer viel zu ausführlich über alles. Meist über Dinge, die niemanden interessierten. Zum Beispiel welches Gemüse ich sehr gerne esse und welche Schallplatte ich mir bei WOM, World of Music am Vorspieltresen von diesem starken Typen, der immer so nett lächelt, habe vorspielen lassen. Ganze Jahre habe ich bei WOM, World of Music am Vorspieltresen verbracht. Habe dort teilweise ein Jahr lang immer die selbe Schallplatte gehört. Nur um mir von diesem netten Typen bei WOM, World of Music am Vorspieltresen die Platte auflegen zu lassen. Er musste sie auch umdrehen. Ich beobachtete ihn dann die ganze Zeit während die Musik in meine Ohren dröhnte und stellte mir vor, dass er und ich ein Paar wären. Dabei war er mindestens schon dreissig Jahre also, ein alter Mann also. Mein Weg war immer derselbe. Vom Bett in die Schule danach zu WOM, World of MUSIC und wieder ins Bett.  Christoph Schlingensief hat einmal zum Thema Reisen gesagt, der eine reise in die Welt der andere schaffe es gerade mal vom Sofa runter. Jeder sei eben anders. Diese Aussage hat mich Jahrzehnte später dann sehr gefreut. Ich war auch anders. Schaffte es schon damals auch gerade mal vom Sofa zum Vorspieltresen von WOM, World of Music. Ich bin wirklich von einer Langsamkeit, die der einer Schnecke gleichkommt. Zudem bin ich genügsam. Es genügt mir vollkommen, was da ist. Nichts wird inszeniert.
Ich kaufe ja auch keine Bücher. Lese entweder welche aus der Bibliothek oder welche, die ich auf der Strasse finde. Gestern fand ich eins von Hermann Hesse. Es ist orange und trägt den Namen EIGENSINN. Ich bin sehr gespannt auf den Inhalt. Es scheint mich zu interessieren. Hesse ist natürlich eigentlich ein uralter Hut, aber ich möchte mich im neuen Jahr öffnen. Für uralte Hüte und andere Kopfsachen.

© Bettie I. Alfred, Januar 2020