Ich war schon immer ein Grenzfall auch beim Mauerfall

Zum Thema Grenzfall, der nun plötzlich in aller Munde schwebt, habe ich auch Erinnerungen beizutragen. Ich war ja auch längst geboren damals. Nachdem ich nun in einem Interview mit dem Autor A. Maier erfuhr, dass er ein sogenannter Stoßschreiber ist, sprich also mal ganz viel und dann wieder gar nichts schreibt, denke ich, dass ich nach dieser Definition eine Stößchenschreiberin bin. Ist ja auch eigentlich egal, wie man das sieht, denn was zählt ist der Ausstoß, egal wann und in welchem Umfang er stattfindet. Hauptsache er kommt noch in diesem Leben.
Also am Fall der Mauer, also am Tag des Falles der Mauer, war ich Mitten in der sogenannten Pubertät. Es war ein Donnerstag und nichts, wirklich nichts interessierte mich weniger als innenpolitische Vorgänge. Das war nicht gerade rühmlich, das weiss ich sehr wohl und wusste es schon damals, denn ich schwärmte für einen „Anarcho“ der sehr interessiert an Politik war und der andauernd überall seine Antifazeichen hinkrakelte. Jedoch hatte meine Zuneigung für ihn nichts mit diesen Zeichen zu tun, es war ein reiner Zufall, dass ich ihn gut fand, und zwar aber innerlich gut fand. Ich finde bis heute Menschen innerlich gut oder eben nicht. Was sie für Zeichen bevorzugen finde ich tatsächlich meistens ziemlich nebensächlich. Obwohl ab und zu ein Zeichen zur Innerlichkeit einer Person doch auch passt und dann, im Zusammenhang also, kann ich diese manchmal sogar respektieren.  Es gibt jedoch viele Menschen, die eine Persona haben, die ihnen zwar, im Sinne von politischer Korrektheit, irre gut steht, aber kaum redet man mehr als einen Artikel lang mit ihnen, stellt sich heraus, dass Sie das, was da auf ihrer Fahne steht, eigentlich selbst gar nicht recht verstanden haben. Besonders oft ist das bei Menschen so, die ein Auto haben und Tiere essen. Aber, niemand ist ja frei von Fehlern, selbst der Fehlerteufel nicht. Ab und zu übersieht selbst der einen.
Jedenfalls damals beim Grenzfall (ich kann das Wort Mauerfall nicht mehr hören!) war ich, sagen wir einmal 14 Jahre alt und hatte mir am Sonntag zuvor auf dem Krempelmarkt einen Schal mit so ganz vielen bunten Fäden drin gekauft. Seit Tagen schmiegte ich mich nun an ihn und überlegte wie genau ich ihn nun tragen sollte. Um den Kopf? Um den Hals, sprich so ganz normal? Oder gar, wie im Orient üblich, um den Bauch gebunden? Natürlich war mir bewusst, dass auch ein schöner Schal meine abgrundtiefe Hässlichkeit, die ich damals mir gegenüber empfand, nicht wettmachen konnte. Doch hoffte ich, dass es so war, wie es einmal in dieser Modezeitschrift gestanden hatte: Wenn du viele Pickel hast, male deine Lippen enorm rot an, so lenken diese ab von ihnen. Sprich der Schal würde vielleicht alles überstrahlen und alle durch seine Farbigkeit verblenden. Was hiess schon alle? Es täte ja reichen, wäre der Anarchist von ihr betäubt. Tatsächlich fuhr ich dann mit meiner Peergroup U-Bahn. Das war am Tag nach dem Grenzfall, und noch wochenlang, umsonst, weil die BVG zu faul gewesen war die Massen aus der Ostzone zu kontrollieren. Das war dann auch fast schon langweilig, denn als unausgegorener Teenager wollte man ja eigentlich nichts sehnsüchtiger, als erwischt werden. Wie stark fände das dann nämlich, so vermutete ich es zumindest, der Anarchist. Gut, die Fahrt im November 89 erinnere ich dann leider so konkret gar nicht mehr, nur den Schal, den ich andauernd um meinen Hals warf, um damit aufzufallen, ist mir enorm im Kopf geblieben. Ich glaube es gibt ihn sogar noch im Schrank meiner Jugend. Ich muss das mal nachprüfen. Wäre er noch da, wäre ich sicher ziemlich geflasht, wie man damals dazu sagte, wenn man froh war.
Am Abend des Grenzfalls und viele Tage danach, das erinnere ich noch gut, sass ich dann immerzu mit dem Vater vor dem Glotzgerät und immer wieder erschien auf der Mattscheibe das Gesicht dieses freundlichen lieben Mannes: Ibrahim Böhme. Als ich ihn sprechen hörte, war ich verloren. Keine Ahnung wieso ich in diesem Moment einen Mann mit Schnurrbart liebte. Er war für mich aus irgendwelchen mysthischen Gründen ein Heiliger. Ein Sozialdemokrat aus dem Osten! Mehr an Harmlosigkeit schien es nicht zu geben.
Gut, die Jahre drauf fanden dann überall Konzerte mit wirklich unfassbarer Krachmusik statt. Bands aus dem Osten mischten sich mit Westpoppern und alles verschmolz zu einem bunten Haufen Nichts. Das Nichts, das einem aber die Tränen in die Augen treten liess, wegen dem historischen Moment, der damit verbunden war, und der mich ja eigentlich so gar nicht bewegte. Ich konnte jedoch gut auf Knopfdruck Rührung spielen, das hatte ich in meiner Familie so gelernt.
Gestern, also 30 Jahre später, hörte ich nun im Schweizer Radio ein wirklich gelassenes interview mit Frieder Butzmann und Thomas Kapielski über diese krude Zeit. Zum Glück war ich damals so stark mit meinem Schal befasst, sonst wär ich noch auf Abwege geraten.

© Bettie I. Alfred, am 8. November 2019

 

 

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