Herzlichen Dank an den italienischen Neorealismus

Die 50er und 60er Jahre haben filmtechnisch gesehen wahre Wunderwerke hervorgebracht. Il Grido von Antonioni, den ich gestern sah, ist eins davon. Habe mich gleich gewundert, wieso ich ausgerechnet diesen Antonioni noch nicht kannte. Habe doch in meinen 20ern alles verschlungen, was schwarz weiss und existentiell bedrohlich war. Bergmann und Antonioni, die bemerkenswerterweise beide im selben Jahr innerhalb einer Woche starben, ich glaube es war 2012,  hatten es mir besonders angetan. Bei Il Grido, zu Deutsch der Schrei, geht es um einen Mann mit Kind, der von einer Frau zur anderen wechselt, weil er es bei keiner längere Zeit aushalten kann. Das Kind, eine Tochter von ca. sechs Jahren stört ihn immerzu und wo die Mutter dazu ist, weiss man ebenfalls nicht. Auch wenn mein Vater so ein ganz anderer Typ gewesen war, war mir das Setting ziemlich bekannt. Kinder aus vergangenen Beziehungen sind ein Alptraum für Männer auf der Suche nach neuen Lebensgefährtinnen. So hatte ich das auch erlebt.
Die sinnlose Suche nach Liebe lässt Aldo jedenfalls schlussendlich am Leben scheitern. In Antonionis rauher schlammiger Welt macht schlußendlich nichts mehr Sinn. Er beendet alles durch einen Sprung ins Nichts.
Die Welten, die Antonioni um seine Protagonisten „baut“ sind immer bemerkenswert trostlos. In dieser Darstellungsweise war er noch viel konsequenter als Ingmar Bergman, der im Gegensatz zu ihm schon fast kitschige Welten etablierte. Bei A. wird der Gegensatz von Welt und Mensch noch viel deutlicher, als bei B. . Bemerkenswerterweise, obwohl das Ende von Il Grido nicht schlimmer sein könnte, fühlte ich mich durch diesen Film getröstet. Vielleicht, weil alles so „einfach“ darin ist und keine Fragen offen bleiben. Aldo findet keine Frau. Die, die er liebt, ist unerreichbar. Dass die Tochter ausgerechnet in der Unerreichbaren schließlich ihre Mutter findet (ob es die tatsächliche Mutter ist, bleibt offen), treibt ihn dann schließlich komplett ins Abseits. Er springt.
Der ewige Versuch der Korrektur am Gewesenen wird hiermit hinfällig.
Italien… hier alles andere als ein Sehnsuchtsort für Verliebte!
Herzlichen Dank an den italienischen Neorealismus.

© Bettie I. Alfred, 7.11.2019