Fasern geballt

Jemand besucht mich und zeigt auf das Kinderportrait von Thomas Bernhard, das an meiner Wand hängt. Wer ist das? Fragt er. Ich sage Thomas Bernhard. Ach, der vom Untergeher! Sagt der jemand. Genau! sag ich. Aber da, auf dem Bild, war er noch klein, füge ich an. Gerne hätte ich noch mehr über Th. B. geredet, doch der jemand will das nicht unbedingt. Das merke ich. Ich zeige auf das Kinderfoto meines Vaters. Das ist mein Vater! Sag ich. Der jemand ist jedoch längst weg. Ich gucke mir dann in Ruhe meine Bilder an, die ich an die Wand gehängt habe. Nicht nur, weil die Wand lauter Löcher von Nägeln hat, sondern, weil ich sonst vergesse, wer oder was mir wichtig ist im Leben. Neben Th. B. hängt ein Hase in einem Norwegerpullover. Dieses Bild müsste nicht unbedingt an der Wand hängen. Es hängt aber da und man sieht es schlecht, weil eine Zimmerpflanze davor steht. Daneben ist das Fensterbrett auf dem ein Kaktus steht, der nie blüht, obwohl die Sonne direkt auf ihn scheint. Auch ein Eifelturm steht da. Ich war noch niemals in Paris. Schade, aber so ist das, wenn man nicht weiss, ob man sich dort verlieren würde. Konzentriert kann ich am besten sein, wenn ich im Schreibtischstuhl sitze. Er ist der beste Stuhl, den ich je hatte. Ich sage bewusst „im“ Stuhl sitzen, weil man so richtig schön in ihn und sein Polster hineinsinken kann. „Auf“ einem Stuhl sitzen erscheint mir eher passend, wenn dieser keine Polsterung hat. Schulstühle….. „auf“ denen sass man. Ich höre ein Geräusch. Die neue Zahnbürste des Mitbewohners. Sie funktioniert mit Laserstrahlung. Ein unangenehmes Geräusch ist das. Ich hoffe dann daß es zu regnen beginnt. Also in Strömen. Ja, Regen in Strömen wäre jetzt schön, dann würde dieses Rauschen das Laserstrahlgetöse  übertönen. Anstatt des Strömregens kommt eine LKW-Kolonne vorbei. Es rumpelt ziemlich. Ich muss husten. Mein Hals kratzt, als sei ich ausgetrocknet. Anstatt Wasser zu trinken, greife ich die Tüte gesalzener Sonnenblumenkerne aus dem türkischen Intergida. Ich spalte ca. 30 Stück mit den Zähnen auf und esse sie. Das Kratzen ist weg aber Durst kommt. Die Deutsche Sprache langweilt mich dann und ich gucke im Oxford-Duden, den mir der kürzlich verstorbene Nachbar vererbt hat, nach neuen Worthülsen. Die Kapitel sind nach Arbeitsbereichen sortiert. Ich lese den Bereich Chemiefaser 1 – Synthetic Fibres. Ich lande bei bale of viscose rayon ready for dispatch. Das heisst übersetzt: Der versandfertige Viskosespinnfaserballen. Nach diesem Wort und der dazugehörigen Übersetzung fühle ich mich reif fürs Bett. Dabei ist es erst kurz nach 7. Egal. Ich lege mich zum Tier und denke das Wort als Endlosschleife: Viskosespinnfaserballen, Viskosespinnfaserballen, Viskosespinnfaserballen, Viskosespinnfaserballen, Viskosespinnfaserballen, Viskosespinnfaserballen, Viskosespinnfaserballen, Viskosespinnfaserballen, Viskosespinnfaserballen, Viskosespinnfaserballen. Dann schlafe ich ein.

 

© Bettie I. Alfred, Okt. 2019