LESUNG GEGEN DIE ZEIT 18

August 6, 2020

Im Gräsergarten herrschte Angst

August 2, 2020

In der Akademie der Künste am Hanseatenweg gibt es einen sogenannten „Gräsergarten“. Als ich diesen zum ersten mal betrat kam mir sofort der Gedanke, dass ich dort gerne sterben täte. Ich finde leider nur ein einziges Bild von ihm im Netz.


Landesarchiv Berlin, Hansaviertel Berlin; Senator für Bau- und Wohnungswesen, Berlin, Juli 1964

Der Zustand in dem ich ihn betrat, war ein weitaus dichter bewachsenerer. Daß ich diesen Ort als so immens wohltuend empfand, muss nicht nur an seinem Anblick gelegen haben, sondern auch daran, daß er mit einer Lesung aller Angstarten, die es auf der Welt so gibt, beschallt worden war. Die Kombination aus allem, der Architektur, der Pflanzen, dem heftigen Regenschauer, der zudem just einsetzte, als ich den Garten betreten wollte und den vielen abstrusen Angstarten, die mir da vorgelesen wurden, das war es wohl, was mich auf den Gedanken mit dem Sterben brachte. Wer übrigens über eine Angst sprechen kann, der verliert sie ja weitaus eher, als wenn er sie für sich behält. Da ich nun vollkommen alleine im Eingang des Gräsergartens stand und in ihn somit hineinblicken konnte ohne, dass mich jemand dabei störte, war es tatsächlich ein grosses Vergnügen der endlos scheinenden Auflistung zuzuhören. Hier ein paar, die ich nicht vergessen habe (von fast jedem Buchstaben des Alphabets eine):

Automatonophobie: die Angst vor Puppen
Bacillophobie – die Angst vor Mikroben
Coulrophobie – die Angst vor Clowns
Dentophobie – die Angst vorm Zahnarzt
Ergophobie – die Angst vor Arbeit
Felinophobie – die Angst vor Katzen
Gymnophobie – die Angst vor Nacktheit
Herpetophobie – die Angst vor kriechenden/krabbelnden Tieren
Ikonophobie – die Angst vor Bildern
Kairophobie – die Angst vor Entscheidungen
Lachanophobie – die Angst vor Obst und Gemüse
Methatesiophobie – die Angst vor Erfolg
Nomophobie – die Angst ohne Mobiltelefonkontakt zu sein
Ombrophobie – die Angst vor Regen
Paraskavedekatriaphobie – die Angst vor der Zahl 13
Radiophobie – die Angst vor Strahlung
Sitophobie – die Angst vor Nahrung
Taphephobie – die Angst vor Friedhöfen
Vaccinophobie – die Angst vor Impfungen
Zoophobie- die Angst vor Tieren

Um ansonsten nicht ganz frei zudem von Kunst und Kultur zu sein, hörte ich mir gestern ein Klavierkonzert an. Ein älterer Herr spielte wunderschön in einem herrschaftlichen Saal. Ich glaube es war etwas von Schostakowitsch. Im Grunde macht es wenig Sinn am Computergerät so etwas anzuhören, man kommt, wie ich finde, so fast gar nicht in eine reale Atmosphäre des Erlebens hinein, man „guckt nur was an“ und taucht nicht recht ein, ist jedoch sicher vorm Virus. Jedenfalls saß hinter dem spielenden Mann eine sehr elegante Frau. Die musste die Seiten umblättern und ich muss gestehen sie schien mir eine hochtalentierte Umblättererin zu sein, denn man sah ihr nicht an, ob sie einen Fehler beim Pianisten wahrnahm oder nicht. Sie saß einfach da und blätterte, wenn es sein musste und wenn es nicht sein musste war sie sozusagen, zumindest mimisch , nicht anwesend. Wieso bin ich nur nie auf die Idee gekommen, dass wenn ich schon kein Instrument lernen konnte aus mangelndem Durchhaltevermögen, ich doch wenigstens eine gute Umblättererin hätte werden können. Auch hier befindet man sich auf einer Bühne und kann sich durchaus präsentieren. Natürlich ist auch das Umblättern eine hohe Kunst, doch eine, die absehbar scheint zu erlernen, im Gegensatz zu der des Violinenspiels (ich spielte nach vier Jahren immer noch die erste Übung aus Bartoks Übungsbuch, das halb so alte Mädchen, das direkt über mir wohnte, schon ganze Violinenkonzerte).

Es regnet, ich bin glücklich! Zudem bekommt der Kater heute Besuch von einem jüngeren. Sie kennen sich nicht, es wird also noch ein interessanter Tag werden.

 

© Bettie I. Alfred, 2.8.2020