Bettie I. Alfred

September 17, 2020

Dies ist die Webseite von der Autorin und Hörspielmacherin Bettie I. Alfred. In der Seitenleiste finden Sie Informationen über ihr Schaffen. Unten können sie einen sogenannten Blog lesen, den Frau Alfred neben ihrer momentanen Haupttätigkeit als Hörspielmacherin mehr oder weniger regelmässig schreibt. Hier geht es meist um ihren aberwitzigen Alltag, den sie als lesende und schreibende Künstlerin mit einem tiefgreifenden Humor und einem analytischen Blick für das (Ur-) Menschliche, darzustellen versucht. Frau Alfred ist es ein Anliegen die tristen Seiten des Lebens anzuerkennen und sie mit den durchaus ja auch ab und an erstaunlich schönen zu verbinden. Dies ist nicht immer möglich und ab und zu wird dem Leser auch mal das Lachen im Halse stecken bleiben. Es gibt ganz bewusst meist keine Absätze, um dem ganzen eine Dringlichkeit zu geben, die das Ganze nach Alfreds Meinung, immer haben sollte.

„Sie lebte in Frieden mit ihrem Unglück!“ Wolfgang Hilbig

„Unsinn ist das Letzte, was mich beim Schreiben antreibt, auch, wenn ab und zu einer dabei herauskommt!“ B.I.Alfred

Die Übertreibungen in Frau Alfreds Prosa und auch in ihrer Lyrik sind wunderschön, immer anregend und in gewisser Weise angenehm belastend.Alfred Katz, Prosaanalytiker

Auch wenn die Welt unterzugehen droht, die Sprache ist immer zur Hand und hält mich fest.
B.I.A, Geschichten und Bilder auf Tonband und Papier

natura non facit saltus

Januar 17, 2022

Das Datum mit der 17 blockiert mich. Ich starre die Zahl an und weiss nicht wieso sie mich so stört. Vielleicht ist es nur die Sieben? Die Eins mag ich ja sehr, sie ist eine der schönsten Zahlen, für mein Empfinden. Ähnlich wie die genormte Folklore in Restaurants und Kneipen der 70er Jahre mir gefällt, gefällt mir die Zahl Eins. Ich bin aber eben kein Freund der Sieben. Ein komischer Tag ist das heute. Ich habe vergessen Butter zu kaufen. Marmeladenbrot ohne Butter schmeckt nicht. Ich will aber garantiert morgen früh so eins essen. Es wird ohne Butter ein trauriges Frühstück werden. Ich könnte aus Jogurt welche schlagen. Doch der Arm tut weh, weil ich stundenlang auf ihm gelegen habe, ohne es zu bemerken. Blättere in einem alten Kalender von 1964. Da stehen Regeln drin, wie man sich im Ausland zu verhalten habe, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Bei Punkt 7 steht: Kleide dich so, daß dich niemand bemerkt, aber setze dir keinen Fes auf. Abgesehen davon, dass ich nicht weiss, was ein Fes ist, find ich die Aufforderung man solle sich so kleiden, dass einen niemand bemerkt, phänomenal. Wie kleidet man sich ohne bemerkt zu werden? Gestern im Wald begegneten wir einem Hipsterpaar mit einem winzigen Bologneser (sehr kleine Hunderasse mit kleinen Löckchen). Als seien sie nicht schon auffallend genug in ihren schrill bunten Anoraks und ihren ebenso schrill bunten Strickmützen, hatten sie auch noch dieses kleingelockte Hündchen dabei. Seit wann haben junge Menschen Hunde? Kleine Hunde? Lockige Hunde? Ich erinnere mich dann daran, dass wenn ich als Teenager meine Verwandten besuchte, jedesmal vorher schon das Rätselraten bezüglich meiner Haarfarbe, die ich präsentieren würde, losgegangen war. Tatsächlich habe ich von schwarz, braun, rot, blond, alles mal durchgemacht. Am meisten Entsetzen löste aber wohl die orangerote Färbung aus. Aber was, wenn ich zu dem ganzen Schlamassel auch noch einen Roll-Fes aufgehabt hätte? Die Hipster sahen so aus, als hätte man ihnen den Auftrag gegeben alles was auf keinen Fall zusammenpasst, zu kombinieren. Im Kalender von 1964 gibt es ein kleines Wörterbuch für Anti-Snobs. Das steht bei Jam Session: „Marmeladensitzung“ meint schrankenlose Improvisation über ein noch ungeborenes Thema. – Marmelade, Schrank, ungeboren, damit könnte man auch eine Gruselgeschichte erzählen. Wir sahen auch wüst aus als Teenager, aber so durcheinanderig wie das Pärchen im Wald? Nein, so schlimm nicht. Wie schön, dass die Zeit immerzu das ganze Drumherum verändert, sonst würde immer alles gleich bleiben. So wandelt sich immerzu alles. Nur die Natur, die bleibt immer die alte! Denn natura non facit saltus.


© Bettie I. Alfred, 17.1.21

Materienströme am Rand der Sonne

Januar 14, 2022

Mache in der Nacht bei Minus zwei Grad das Fenster auf. Höre ein leises aber durchdringendes Gezwitscher. Ein Nachtvogel, der Kälte liebt? Danach finde ich vorerst keinen Schlaf mehr. Dann ändere ich, zum ersten Mal seit 30 Jahren, meine Beinstellung, genauer gesagt den Winkel in dem ein Bein zum andern liegt. Ein phänomenaler Effekt, ich schlafe tief und ausdauernd bis in den Vormittag. Dann ist es grau am Himmel. Allerdings hellgrau. Ein Tick mehr ins Blau und es wäre hellblau. Blau ist auch das Meer, an das es mich nicht zieht. Diese Unruhe und Grenzenlosigkeit, die es dort gibt, das ist nicht meine Sehnsucht. Ich hab Sehnsucht nach Grenzen. Nach einem Garten mit Zaun drum. Der Zaun zwar kaputt und durchlässig, aber, auch, wenn er Löcher hat: ein Zaun ist ein Zaun und somit eine Grenze. In einem Fernsehfilm von 1980 wohnt eine Familie in einem bunkerartigen freistehenden Einfamilienhaus. Sie sitzt oft an einem Tisch im winzigen Vorgarten, der, weil das Haus ganz neu ist, lediglich durch eine Mickerhecke das Umfeld von sich trennt. Das Umfeld ist eine Art Paradies. Man ahnt wilde Streuobstwiesen in unendlichen Ausmaßen. Die Mickerhecke soll schnell wachsen, sagt die Hausfrau. Vielleicht damit ihr die Sicht auf eine dermaßen natürliche Freiheit, nicht die Konzentration aufs Wesentliche nimmt. Das Mittagessen! Irgendwo lese ich das Wort Protuberanzen. Obwohl ich einen lateinischsprechenden Vater habe, habe ich dieses Wort noch nie gehört. Ich schaue nach. Es meint die Materienströme am Rand der Sonne. Wahnsinn mit was sich die Menschen schon alles befasst haben. Kein Wunder daß man Zäune braucht.

© Bettie I. Alfred, 14.1.21

Dunkelheit

Januar 11, 2022

Sass schon bei eintretender Dunkelheit auf „meiner“ Bank im Park. Sinnierte über das Mittelalter (in dem ich nun angelangt bin). Hörte dabei Musik. Remember the first time I told you I love you.It was raining hard and you never heard. You sneezed! and I had to say it over „I said I love you“ I said… you didn’t say a word. Dann erschien ein kleiner Junge in meinem Blickfeld. Er zuckte komisch und guckte mich an. Bis ich realisiere, dass er ganz alleine war und markerschütternd weinte, dauert es bis der Song vorbei war und ich wieder hören konnte. Oh! dachte ich dann. Ich sah niemanden sonst, nur ihn im dunklen Park. Er war vielleicht fünf Jahre alt und anscheinend tatsächlich allein. Ich sprang dann auf und ging zu ihm. Er schien verzweifelt und wusste offensichtlich nicht wohin. Desorientiert rannte er dann den Hügel hinab an dem meine Bank steht und schrie äußerst pessimistisch nach seinem Vater. Ich lief ihm nach und versuchte ihn zu stoppen. Ich erreichte ihn und er zuckte weiterhin heftig vor lauter Geschluchze. Ich schaute mich um, weiterhin kein Mensch zu sehen. Rieb ihm den Rücken und den Bauch gleichzeitig um ihn zu beruhigen und versprach ihm, dass wir „seinen Papa“ gleich finden würden. Plötzlich erschien eine Frau mit grauen Haaren aus der Dunkelheit und zeigte irgendwohin: da sei der Vater! Es folgte ein Mann mit Kind. Offensichtlich kannte man den Jungen nicht, denn niemand sprach mit ihm, auch mit mir sprach man nicht wirklich, sondern sendete nur kurze Informationen aus. Der Mann nahm den verwirrten Jungen dann an die Hand und man bedankte sich bei mir und alle verschwanden in der Dunkelheit. Ich schluckte und hatte dann einen Trauerkloss im Hals. Scheiß Kindheit! Auf dem Heimweg finde ich dann unverhofft ein Katzenkostüm. Die Kopfbedeckung samt Ohren, die ich umgehend probiere, um den traurigen Jungen zu vergessen, passte gerade noch so auf meinen Kopf. Der Anzug jedoch war winzig. Ich liess ihn liegen und nahm nur die Ohren. Mit der Kopfbedeckung begrüsste ich dann meinen Kater. Er guckte wie paralysiert auf meine neue Kopfbedeckung.



© 11.1.22 Bettie I. Alfred

Späte Ostalgie

Januar 8, 2022

Im Nichtsbuch von Beckett gibt es einen Mann, der mit Menschen nie länger als 2-3 Minuten zusammenbleibt. Eine faszinierende Vorstellung. Stelle es mir jedoch etwas hektisch vor. Und immerzu der Blick zur Uhr. Unwillkürlich fällt mir die Tatsache ein, dass manche Menschen die selbe Person mehrmals heiraten. Also nach einer Scheidung. Jahre später. Merkwürdige Vorstellung. Das Jahr ist jetzt schon wieder alt. Niemand sagt mehr alles Gute zum neuen Jahr. Man hat sich schon an es gewöhnt, so wie man sich an Stirnfalten gewöhnt. Ich schüttele einen Teppich aus. Aus dem Fenster. Es sieht aus als ob es schneit. So viele Fusseln, ich schäme mich, hoffe dass niemand zuschaut. Lege den Teppich wieder an seinen Platz. Staune, denn er ist hellgrün und gar nicht schwarz. Ich denke er wurde ein Jahr oder mehr nicht mehr ausgeschüttelt. Der Mann spricht während ich tippe, neben mir sitzend, über den Kater. Er ist entzückt, denn der hat sich einen neuen Platz mitten im Gerümpel gesucht. Man hätte ihn auch übersehen können, er liege auf einem alten Kaninchenfell. Fell auf Fell. Die Männer möchten ein Hörspiel über einen Mann im Osten, der zurück in den Osten will und gar nicht merkt, dass er da doch längst ist, machen. Alle wollen Grenzsoldaten sprechen. Ich soll die Frau sprechen, die der Mann besuchen will. Ich will lieber seine Mutter sprechen, sage ich. Alle gucken mich komisch an.

© Bettie I. Alfred, 8.1.22