Edle Mäusefänger

Dezember 12, 2018

Früher hat man, wenn man oft schlapp und müde war, ein Kohlensäurebad genommen. Das steht in einem alten Buch. Leider steht nicht da wie man die Kohlensäure in die Badewanne bekommen hat. Man hat ja sicher nicht vierzig Flaschen Selters in sie geschüttet. Auf dem Dachboden klappert es herum. Besonders nachts. Ich vermute Mäuse. Der Dachboden ist abgeschlossen, man kann nicht nachschauen gehen. Früher hätte man einfach eine scharfe Katze auf die Mäuse angesetzt. Katzen waren ja keine Ziertiere, sondern dazu da um eben Mäuse zu fangen. Das kann man sich bei den meisten Royal Kitten Viechern gar nicht mehr vorstellen. Geputzt und gestriegelt liegen sie auf extra für sie angeschafften Plüschdecken und duften nach Veilchen, weil die Frau, die so riecht sie immerzu anpackt und abreibt, also streichelt. In einer Runde, wo Erwachsene überlegen, welches Tier zu ihren Kindern passt, sie sitzen im Restaurant am Tisch direkt neben mir, weshalb ich nicht essen kann, weil ich andauernd zuhören muss, was man nicht tut, aber wie denn? Jedenfalls sagte ein Mann in die Runde, dass er Meerschweinchen hassen würde und so ein Vieh nicht in seine Wohnung käme. Ich lasse das Essen stehen (bezahle deswegen auch nicht, es kann ja jetzt jemand anderes nehmen) und frage mich, wie man so ein ödes kleines Tier hassen kann? Überhaupt Tiere hassen…. Im Schwierigen (Drama von Hofmannsthal) berichtet Creczence ihrem Ehemann von des Onkels beeindruckender Entscheidungskraft. Er sei wie sie, er hasse den ewigen „Wiegel-Wagel“. Ich muss den Österreicher fragen, ob man das heute so immer noch sagt. Viel besser als bei uns der Begriff „ewiges Hin und Her“. Ein Wiegel-Wagel zeigt noch viel mehr wieso es eben Hin und Her geht und nicht nur dass es das  tut.
Um die Weihnachtszeit muss ich wieder mehr abstrahieren. Es wird sonst alles zu real.

 

© Bettie I. Alfred, 2018

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Auf andere zeigen

Dezember 10, 2018

Die Weihnachtszeit ist die Zeit der Bedeutungslosigeit. In dieser Zeit fühlt man sich immer wieder klein und bedeutungslos und möchte sich am liebsten, wie auf dem Schlachtfeld, irgendwo als Eskadronistentrompeter positionieren und allen den Marsch blasen.
Ich wache am morgen auf und habe geträumt:

Der Opa rief: „Das ist doch nicht normal!“ und zeigte auf die Oma.
Die Oma rief:“Das ist doch nicht normal!“ und zeigte auf den Onkel.
Der Onkel rief:“Das ist doch nicht normal!“ und zeigte auf meine Mutter.
Meine Mutter rief: „Das ist doch nicht normal!“ und zeigte auf die Tochter.
Meine Schwester rief:“ Das ist doch nicht normal!“ und zeigte auf mich.
Ich rief: „Das ist doch nicht normal und zeigte auf meinen Bruder!“.
Der Bruder rief:“ Das ist doch nicht normal!“ und zeigte auf den Vater.

Der Vater zeigte auf niemanden…..
und war zufrieden.

Glühwein gibts nun überall. Wenn man ihn genug tankt, fühlt man sich schnell wie ein lustiger Weihnachtsmann. Ich erinnere mich gut daran. Früher trank ich dieses Gesöff ab und zu mal haufenweise. Es ist wie eine dicke Haschbombe rauchen, wenn man genug davon trinkt. Obwohl ich das eigentlich nicht wissen kann, weil ich niemals Drogen nahm.
Ein Mann aus einem anderen Land, der eine Frau aus ebenfalls einem anderen Land heiratet, muss meistens in irgendeiner Form tolerant sein. Die Sitten und Gebräuche regen ihn oder sie oft auf, weil sie für ihn oder sie in ihrem Zuhause keinerlei Sinn ergeben. Auch Mann und Frau aus dem selben Land müssen tolerant sein sich selbst und der anderen Person gegenüber. Toleranz ist sehr wichtig, auch zwischen anderen Teammitgliedern. Je grösser das Team, desto kleiner oft die Toleranz. Ich bin sehr intolerant, wenn man mir gegenüber intolerant ist. Umgekehrt, ist mir gegenüber jemand tolerant, dann bin ich es ihm gegenüber auch. Doch wer ist zuerst dran? Immer der andere, denke ich. Ist er es nicht, bin ich es eben auch nicht. Und damit sind wir wieder bei der Frage nach dem Hühnerei und dem Huhn. Dass diese Frage immer noch offen ist, wundert mich. Es gibt doch jetzt sogar schon Klone.

©Bettie I. Alfred 2018

 

 

 

 

 

Gedanken am zweiten Advent

Dezember 9, 2018

Das Hofmannsthalbuch, das ich lese, ist auf Englisch, nur die Zitate sind auf Deutsch. Ich lese einfach erstmal nur die Zitate. Sie sind teilweise interessant, jedoch täte mich die Geschichte Hugos ebenfalls interessieren, die eben vorkommt, aber auf Englisch. Da ich sowieso Englisch üben muss, versuche ich es dann doch mal:

…. Hofmannsthal pointed out, that his parents were remarkable for their lively social contacts and their interest in people (but note the letter to his father of 1895)…

Schon wieder ein Brief an den Vater. Das ist wohl bei Schriftstellern sehr beliebt einen solchen öffentlich zu machen. Und auch, wenn die Väterbriefe oft einen ähnlichen Inhalt haben, werde ich ihn lesen. Ansonsten finde ich Hofmannsthal ein wenig „stiff“ und finde keine Lako- oder gar Ironie in seiner Art. Er scheint mir ein wenig zu streng, um ihn als Nebenherliteratur zu behandeln. Zudem werden ständig Fremdworte verwendet, die nicht mal im Fremdwörterlexikon zu finden sind. Negocinationen z.B.. Was bedeutet das? Der Vater ist Lateinlehrer, ich muss ihn fragen.
Das Wort Numismatik kommt auch vor, ist schön und ich freue mich, es neu in meinem Wortschatz aufnehmen zu können, doch die Bedeutung enttäuscht mich und ruft schlechte Erinnerungen hervor. Münzsammlerkunde. Als 12-jähriges Mädchen sammelte ich tatsächlich Münzen, nachdem meine vorausgegangene Philatelie, gerade bei den Jungs, überhaupt gar keinen Anklang fand. Meine Münzkenntnisse führten dann aber auch nicht wirklich zu mehr Kontakten zum anderen Geschlecht und wenn, dann nur zu welchen mit sonderbaren Solitären. Dem mit dem BMX-Rad kam ich jedenfalls durch meine Münzkenntnisse nicht näher. Ich wollte damals eigentlich auch sehr gerne ein BMX-Fahrrad haben. Doch als es mal eins beim Massa (ähnlicher Laden, wie heute Lidl) gab, da sagte der Vater, dass das aber doch kein Fahrrad sei und ich ja nicht mal einen Gepäckträger hätte, um den Schulranzen festzuzurren. Statt des BMX-Fahrrads bekam ich ein Schminkset, was dann schon auf dem Nachhauseweg in der Tasche zerbrach und dann in ihr alles bunt war.
Wegen dem Bau vom Massa wurde übrigens mein Haus, in dem ich bis ich sechs war wohnte, abgerissen. Vor den fertig gebauten Massa stellte man dann einen Imbiss, wo türkische Gastarbeiter in der Pause eine rauchten. Ich erinnere gut, wie ich mit meinem Vater das erste Mal in den neuen Massa ging und dann der eine Gastarbeiter zum anderen sagte: „Isch kaputt! Heimat besser!“ Der andere hat genickt. Da, wo ich herkam waren das die einzigen Türken im Dorf. Dann zogen wir nach Berlin. Hier gab es viele von ihnen.
Hofmannsthal schreibt, dass man in Krisenzeiten mehr fürs Leben lernt, als in guten Zeiten. Man sei lebensklüger, wenn man sie vollständig durchlebt habe. Oder tot, denk ich. Der Kater ist in extremer Spiellaune. Selbst Dinge wie Sessellehnen, die sich nicht bewegen, will er fangen und hüpft aufgeregt um sie herum. Er ist allein. Hat keine Frau. Einmal hatte er Besuch von einer und hat sich gleich verliebt. Er sprang genauso um sie herum, wie jetzt um die Sessellehne. Sie blieb nur wenige Tage. Sie war, wie es in Fachsprache heisst, mitten im Östrus. Das Geheule war nicht zum Aushalten. Der Kater hat sie dann ein paar Tage gesucht und nun springt er eben um die Sessellehne. Ob ich auch um Möbel springen werde, wenn der Mann mal weg ist?

© Bettie I. Alfred 2018