Bettie I. Alfred

September 17, 2020

Dies ist die Webseite von der Autorin und Hörspielmacherin Bettie I. Alfred. In der Seitenleiste finden Sie Informationen über ihr Schaffen. Unten können sie einen sogenannten Blog lesen, den Frau Alfred neben ihrer momentanen Haupttätigkeit als Hörspielmacherin seit über zehn Jahren regelmässig schreibt. Hier geht es meist um ihren aberwitzigen Alltag, den sie als abseitige Künstlerin in ihrer tiefgreifenden Komik darzustellen versucht. Frau Alfred ist es ein Anliegen die tristen Seiten des Lebens anzuerkennen und sie mit den komischen bzw. lächerlichen zu verbinden. Dies ist nicht immer möglich und ab und zu wird dem Leser auch mal das Lachen im Halse stecken bleiben. Es gibt bewusst keine Absätze, um den meist in unbefangenem Plauderton geschriebenen Beitrag wenigstens in einer klaustrophobischen Textwand darzubieten

Collage von Bettie I. Alfred 2020

Im Kasten ausgebrütet worden

Januar 20, 2021

Das Kind malt sich mit der Tippfehlerkorrekturflüssigkeit die Nägel weiss an. Es trocknet schnell und schliesslich nimmt es einen schwarzen dünnen Stift und zeichnet auf die weissen Flächen schwarze Blümchen. Ich lobe es und sage, dass ich finde, dass das wirklich toll aussieht. Dann kommt die Mutter und meckert: „Spinnst du denn völlig? Das ist doch giftig!“. Dann steckt sie sich eine Fluppe an und nestelt mit Nagellackentferner alles wieder weg. Ich frage was hier in der Situation wohl das Giftigste war. Die Tippfehlerkorrekturflüssigkeit, der Nagellackentferner oder die Zigarette. Bernhard sagt im Untergeher alle Menschen seien immer beides, glücklich und unglücklich, nacheinander oder auch gleichzeitig. Alle fühlen ja andauernd sehr viel Glück und das Unglück kommt aber sofort hinterher. Niemals ist für lange nur das eine da. Gut ist deshalb wenn man den ewigen Misthaufen ausblenden kann. Das können Menschen, so habe ich es tatsächlich beobachtet, gut, die zu Beginn ihres Daseins für einige Zeit nicht angefasst wurden, sondern in einem Brutkasten gelegen sind. Ich bin mir nicht sicher, ob es Zufall ist, aber alle drei Menschen, die ich kenne, die zu Beginn ihres Lebens in einem Brutkasten lagen, können unheimlich gut die Unangenehmitäten des Lebens ausblenden. Sie sind alle drei autarker, als alle andern, die ich kenne, inklusive mir. Sie können einfach dasitzen und ins Elend blicken und dabei positiv wirken und es auch sein. Wäre es tatsächlich so, daß diese Fähigkeit, das Übel von draussen so gut ausblenden zu können, mit dem Aufenthalt in einem Brutkasten zu tun hat, dann würde ich sagen, dass der Brutkasten doch eine gute Sache sein kann. Gestern sah ich den Film Testimony. Ein Film über das Leben Schostakovichs. Ich musste dauernd die Fernbedienung bedienen und den Ton leiser stellen, weil die Bombastmusik, die man immerzu als Ton aus dem Off einspielte, sicher um die wahnsinnige Macht Stalins zu betonen, den Raum erzittern liess und ich mir Gedanken um den Nachbarn machte, der da eventuell nebenan gerade versuchte einzuschlafen. Schostakovich wurde von Ben Kinsley, gut zwar, doch auch irgendwie verkürzt, gespielt. Der ganze Film schien mir eine Art Groteske zu sein. Ich liebe Grotesken, doch irgendetwas fehlte mir, auch, wenn die Aufnahmen zu allem Überzeichneten teilweise wirklich unsäglich schön waren. Hartes Schwarzweiss und verzerrte Perspektiven, so wie ich es eigentlich liebe. Das Thema der Lärmbelästigung liess mir jedenfalls keine Ruhe. Der Mann aus dem Brutkasten, der zufälligerweise mit schaute, hatte da gar kein Problem mit. Er denkt nicht an Nachbarn wenn er einen Film guckt, da bin ich mir sicher. Bernhard ist übrigens der Meinung gewesen daß man niemals in einer Gegend studieren sollte, die man gerne mag. Man sollte während des Studiums stattdessen an einem Ort wohnen, den man verabscheuenswürdig findet. Man könne sich dann nämlich viel besser aufs Studieren konzentrieren. Typisch Bernhard! Er hat so recht mit vielem. Denn was hat man von einem Studium an einem schönen Ort, wo man die ganze Umgebung enorm liebt und deshalb ständig vor der Tür herumlungert, anstatt an seinem Schreibpult in die Materie zu tauchen und zu versteinern, aber nichts aufs Papier bringt. Meine Umgebung ist diesbezüglich gut ausgewählt. Es gibt nur laute Strassen und keinen Fluss und schlechte Luft en mass. Ich tue gut daran mich auf das Schreibstudium zu konzentrieren. Für den Brutkastenmann ist es völlig egal wo er wohnt. Er sitzt, ganz gleich wo, immer höchstkonzentriert auf seine Arbeit, da herum, wo er eben sitzt. Nichts kann ihn ablenken. Ich beneide ihn sehr. Auch das Facebuch ist ihm ein Graul, wie auch alles sonst was dumm macht. Er ist wirklich ein Tausendsassa.

© Bettie I. Alfred, 20.1.2021

Die guten Seiten der Gänsehaut

Januar 17, 2021

Ich bin weiterhin in der Phase, wo mich ab und an enorm die hinter mir liegende eigene Teenagerzeit interessiert. Es packt mich in manchen Momenten sehr, weil damals, als ich mich in ihr befand, definitiv alles vollkommen anders war als heute. Es gab richtig viele, ganz enorm unterschiedliche Zuhauses. Welten waren das, wie man so schön sagt. Menschen, besonders Eltern ohne Bildung oder Handwerker und Hausfrauen kauften ganz andere Sachen als die Gebildeten. Das schwedischen Möbelhaus „gehörte“ den Lehrern und man traf dort auch nur Lehrer. Auch Jungs und Mädchen waren streng gegeneinander. Fast alle Jungs waren immerzu mit ihren Motorrädern beschäftigt. Echte, oder altersbedingt lediglich als Fotografien vorhanden. Mädchen lasen tatsächlich meistens Dr. Sommer und sammelten gläserne Nippesfiguren. Getrunken, also Alkohol, wurde teilweise schon sehr früh, also am Morgen, aber auch jung.  Nicht selten schon mit 13 Jahren mit den Eltern zusammen am tiefergelegten Couchtisch vor der Hitparade oder anderem Fernsehmüll. Die Bundeswehr war allgegenwärtig und Homosexualität gab es, zumindest offiziell, nicht und wenn, waren diese Menschen bunte Phantasievögel aus dem Künstlermilieu. Die Wohnungen kleidete man mit Holz aus und selbst Badewannen und Toilettenschüsseln hatten komische Farben, olivgrün oder sogar dunkelbraun. Von Psychologie hatte nur ein Psychologe oder vielleicht noch engagierter Sozialarbeiter Ahnung, normale Menschen wussten nichts vom Ödipuskomplex oder dem Vorgang der Sublimierung. Die Sonnenuntergangstapete war schlichtweg das Symbol der Freiheit und der Unbeschwertheit. Die Maloche machte viele krank, weil sie daran gekoppelt war, dass der hart arbeitende Vater viel trank und rauchte. Fleisch aß man täglich und die Kinder tranken Cola und Fanta anstatt Biozisch. Wasser trank kein Mensch pur, gar ohne Sprudel, auch nicht der Umweltaktivist oder Heilpraktiker. Alle trugen so enge Hosen, dass die Innereien immerzu abgequetscht wurden. Die ganz „Coolen“ trugen dazu auch ein enges T-Shirt und drüber eine noch engere, ganz winzige Motorradlederjacke. Im Winter niemals eine Mütze, geschweige denn eine lange Unterhose. Alte Leute sahen oft aus wie Steine, beige und grau. Die Handtaschen waren gefährlich, ob ihrer Ecken, an denen man sich wirklich ziemlich unangenehm verletzen konnte. Weich wurde gleichgesetzt mit verkommen. In der Tasche war immer ein winziges Fläschchen Köllnisch Wasser verborgen mit dem mich die Oma begoss, wenn ich stank. Am Kiosk trank man Bier und alle Biersorten und Generationen blieben unter sich. Die Jungen bei den Jungen, die Alten bei den Alten. Meist blieben auch die Gastarbeiter bei den Gastarbeitern, und Hausfrauen bei den Hausfrauen. Die Abiturienten sprachen nicht mit jemandem, der keins hatte. War jemand allein lediglich älter oder jünger in der Ansammlung, als die andern, war er ein Störenfried. In einem Buch mit dem Titel „Es passt mir nicht mehr zu hause“ berichtet ein Heroinabhängiger, dass sein Elternhaus eigentlich o.k. gewesen sei. Alle hätten unter einem Dach gewohnt, Eltern, Kinder, Grosseltern. Er sagt dann wörtlich, dass die Oma ab und zu, wenn mal wieder „Fraktur“ gesprochen wurde, ihm verboten hätte länger als bis 22 Uhr auszugehen. Da wär` er ihr an die Gurgel gegangen und danach hätte man ihn ins Heim gesteckt. Die Redewendung: Fraktur reden, kannte ich nicht. Auch die Bezeichnung die könne ihn mal an die Füsse fassen, was seine Antwort war, kannte ich so nicht. Es hiess übersetzt, dass die ihn mal konnte. Also, konkret sagte er: „Als die Alte mir befahl den Mülleimer runter zu bringen, sagte ich ihr, sie solle mich mal an die Füsse fassen!“ Heute gibt es natürlich auch die Jugend, die sprachlich austeilt, aber im Verhältnis zu damals finde ich ihre Ausdrucksweise extrem undrastisch. Jedenfalls habe ich noch nie einen Teenie von heute diese Art von „Fraktursprache“ anklagen hören. Es ist ziemlich kalt geworden. Ich erschauere des Öfteren am Schreibtisch. In einem Buch über gesunde Ernährung das ich lese, damit ich noch eine Weile mitleben kann, gibt es ein Kapitel, das „Die guten Seiten der Gänsehaut“ heisst. Wenn ich mit dem Buch über die Jugend in den 70ern fertig bin, werde ich mich einmal in Ruhe diesem Thema widmen.

© Bettie I. Alfred, 2019

Walter Benjamin Blümchen

Januar 15, 2021

Man sollte nur Sachen lesen, die einen weiterbringen. Das schafft auch mehr Platz in den Regalen. Die ab und zu auftretende Langeweile muss man ein Stück weit aushalten. Schließlich ist sie nach Walter Benjamin der Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet. Das kann manchmal dauern mit dem Ei der Erfahrung. Manch einer hat darüber ausexistiert. Zumindest kann einem beim Ausbrüten des Eis der Erfahrung schnell bewusst werden, dass die maximale Freiheit, die man im Leben erreicht hat oder es wenigstens anstrebte eine solche zu erreichen, nicht immer einfach ist in ein Leben das Anstand gebietet, zu integrieren. Bin heute zum Philosophieren aufgelegt. Das liegt an den Schneewehen vor den Fenstern. Ich habe mich nie mit Benjamin beschäftigt. Also Walter Benjamin. Als Kind natürlich mit Benjamin Blümchen, das ging ja nicht anders, man wollte ja mithalten und Folgen gab es immer neue, so, dass der Absprung nicht leicht war. Aber Walter Benjamin, den mied ich. Und zwar auch, oder gerade weil ihn so viele als „ihren“ Heiligen erkoren hatten. Deshalb nahm ich Abstand. Trotz nennt man das. Wer nicht genug trotzen darf als Kind, der tut es später um so mehr. Es kann dabei durchaus ein Überästhet im Dreckbett (Zitat Th. B. über seinen Klavierkumpel Wertheimer im Untergeher) rauskommen. Womit wir wieder bei den Gegensätzen in der Welt wären, die eigentlich gar keine sind. Gegensätze sind überbewertet. Jede Eigenschaft kann mit jeder Eigenschaft kombiniert werden, ohne Aufsehen zu erregen. Die Gegensatzdebatte ist eine Ersatzdebatte. Wir werden sehen wofür. Die Umstandskrämereidebatte bezüglich einer gewissen Trägheit meinerseits schwindet jedenfalls und anstelle dieser tritt immer häufiger das Thema der Systemrelevanz in den Vordergrund.

© Bettie I. Alfred, 15.1.2021

Meine ECKANGST ist zum Hören da!

Januar 13, 2021

Die schlaflosen Nächte, die mir ein kreislaufanregendes Tonikum beschert, sind wie lange, sehr lange Zugfahrten. Sie machen nur Sinn, wenn man sich schöne oder anders aufregende Gedanken macht. Die Frage: „Was wäre, wenn es keine Ecken in der Welt gäbe?“ ist eine die hilft. Hier habe ich das Thema Eckangst schon einmal verarbeitet:

https://oe1.orf.at/ugcsubmission/view/48353e70-c94c-47d5-a807-135a0e1ce247/ECKANGST

Ansonsten lese ich, um diese stocksteife Coronazeit zu überbrücken alles, was ich in die Pfoten kriege. Im Moment drei Autoren (ja, ich weiss, es gibt auch Frauen, die etwas Aufrgegendes geschrieben haben, doch mag ich mich von mir selbst, also von der Frau in mir, lieber distanzieren und das geht eben einfacher mit einem Manne als Autor, sonst bin ich schwubs die Frau, die da schreibt und muss immerzu mit ihr mitleiden oder mich gar mitfreuen. Einem Mann bin ich da schneller fern und somit noch ich selbst beim Lesen. Und die lustigen Damen unter den Autorinnen und Texterinnen, die sind mir meistens viel zu hart. Sie sind ja noch viel härter oft wie die Männer im Metier. Manchmal fast so, wie trocken Brot, das den Gaumen so wund macht beim Fressen).
So, nun aber die drei Autoren, die ich gerade gleichzeitig lese und die unterschiedlicher nicht sein könnten:

  1. J.R.R Tolkien (seine Biografie)
    2. Thomas Bernhard (Der Untergeher, den ich natürlich schon kenne)
    3. Max von der Grün ( Waldläufer und Brückensteher, ein wundervoller Titel, der schnell mal über die
    Rauheit der Thematiken hinwegtäuschen kann)

© Bettie I. Alfred, 13.1.21