Bettie I. Alfred

September 17, 2020

Dies ist die Webseite von der Autorin und Hörspielmacherin Bettie I. Alfred. In der Seitenleiste finden Sie Informationen über ihr Schaffen. Unten können sie einen sogenannten Blog lesen, den Frau Alfred neben ihrer momentanen Haupttätigkeit als Hörspielmacherin seit über zehn Jahren regelmässig schreibt. Hier geht es meist um ihren aberwitzigen Alltag, den sie als abseitige Künstlerin mit einem tiefgreifenden Humor (der zwar ab und an gar nicht komisch, jedoch niemals bitterböse ist) und einem analytischen Blick für das (Ur-) Menschliche, darzustellen versucht. Frau Alfred ist es ein Anliegen die tristen Seiten des Lebens anzuerkennen und sie mit den erstaunlich schönen zu verbinden. .Dies ist nicht immer möglich und ab und zu wird dem Leser auch mal das Lachen im Halse stecken bleiben. Es gibt bewusst keine Absätze, um dem meist in einem unbefangenem Plauderton geschriebenen Beitrag eine Dringlichkeit zu geben, die er nach Alfreds Meinung, immer haben sollte.

„Es sollte alles erstaunlich bleiben, denn sobald die Dinge nicht mehr erstaunlich sind, ist die Kindheit vorüber“ Ionesco

Es gibt kein doof, es gibt nur offensichtlich oder verschlüsselt

Mai 7, 2021

Lese ein Romanmanuskript das ein naher Verwandter im Jahre 1968 begann. Bin komplett astonished, denn es kommen etliche Dinge vor, die auch ich immer wieder zum Thema habe bzw. zum Thema mache (österreichische Literatur z.B. oder eine Kindheit als Dochsager*in und selbst ein Hörspiel findet Erwähnung). Es ist nun eindeutig, dass wir, der Autor, mein Vater und ich, verwand sind (eigentlich ja logisch, denn mein Vater ist mein Vater ist mein Vater). So verwand sind wir also, dass die Themen sozusagen von hüben nach drüben wanderten, ohne, dass ich es bemerkte. Nichts kommt eben von ungefähr. Man muss sich nichts ausdenken, es ist alles schon da. In meinem neuen Stück kommt ein Jan Kümmel vor, er soll Bäcker werden. Das findet der Mitbewohner doof. Überlege den Namen zu ändern, doch mag ich es eben wenn etwas aus dem Bauch kommt und man nicht abwägt, ob etwas doof sein könnte, oder nicht. Es gibt kein doof, es gibt nur offensichtlich oder verschlüsselt. Jan Kümmel soll halt eben offensichtlich Bäcker werden. Der Kater jammert, weil ihm kalt ist. Der Ofen ist aus und draussen regnet es. Ich erkläre ihm, dass es bald so heiss werden wird, dass er sich nach einer kühlen Ecke sehnen wird. Er ist genervt von meinem Gelaber und entschwindet wieder. Seit ich eine Brille brauche und schlecht sehe, bin ich was Schrift anbetrifft kreativer in deren Interpretation geworden. Verstehe nun meine Mutter, deren Stickereien manchmal aus dem Ufer liefen und sie das nie wirklich dramatisch fand. Man gewöhnt sich daran, dass alles immer unklarer wird. Das ganze Leben wird stündlich unklarer. Ein wahrer Haufen Unklarheit bleibt dann wohl am Ende übrig. Trotzdem beruhigt die Anwesenheit einer Brille ungemein. Alle haben irgendwann eine Brille. Heute ist Brille auch in jungen Jahren schicklich. Man schmückt sein Gesicht gerne mit Gestellen, die eine Aussage über das eigene Innenleben machen. Man zeigt dadurch: Ich bin offen, ich bin kleingeistig, ich bin ausgeflippt, ich bin normal, ich bin reich oder: ich bin nicht interessiert daran dass mich eine Brille interessanter macht, deshalb trage ich ein billiges Gestell. All diese Beweggründe für eine Auswahl gibt es. Viel mehr als die Augenschwäche beschäftigt mich allerdings gerade mal wieder meine riesige Zahnlücke die seit 15 Jahren in meinem Kiefer aufklafft. Das sieht aber keiner, ausser der Zahnarzt, aber den meide ich. Doch Schluss jetzt mit Gallensteinen! Hätte wohl mein Grossvater an dieser Stelle gesagt, täte er noch leben.

© Bettie I. Alfred, 7.5.2021

Viele tausende Schubladenverzettelungen

Mai 4, 2021

Ständig nehme ich mir vor Listen zu machen. Listen an denen ich ablesen kann was gewesen ist. Eine Liste mit den Büchern z.B., die ich las, eine mit den Filmen, die ich sah, eine mit den Radiosachen, die ich hörte und sowieso ist das Bedürfnis alles festzuhalten, die Tage im Kopf zu behalten, immer wieder gross. Dann stelle ich fest, dass es nicht funktioniert. Die Listen kommen mir schon kurz nach ihrer Erstellung ganz schnell wieder abhanden und die Disziplin, die ich während der ersten Eintragungen noch besaß, verliere ich ebenfalls schnell wieder. Lieber krakel ich dann doch wieder nur Notizen auf alte Bonrollenfetzen (die hervorragende Idee einen Roman auf einer endlos sich aufrollenden Bonrolle -mit der Hand- zu schreiben, verlief jedoch leider ebenfalls schon nach wenigen Metern im Sande). Ich hoffe, dass ich irgendwann einmal wieder geboren werde, also als diejenige, die ich jetzt schon bin, aber eben nochmal von Anfang an, und dann alle angefangenen Projekte beenden kann. Die Listen, den Bonrollenroman, den Roman namens „Die Milben meiner Kindheit“ und all die vielen tausenden Schubladenverzettelungen, die meine Schränke inzwischen beherbergen, b e e n d e n. Für ein gut sortiertes und somit erfolgreiches Schriftstellerleben, geben meine Arbeitsmoral und meine Ordnungssysteme, innerlich, wie äußerlich, momentan zumindest, zu wenig her. Es gelingt mir einfach nicht mich in eine Systematik einzufinden. Immerzu mäandere ich von einem Zettelkasten zum nächsten, und schwirre in meinen Erinnerungen, ebenfalls immerzu, in die dunklen Ecken, wo mir dann nichts ausser kalter Hund, den ich gar nicht gut vertrage, gereicht wird. Die Vergangenheit im Allgemeinen ist ja immer irgendwie unschön, egal wann sie stattfand und somit sollte es im Grunde reichen sich der Listenerstellung und dem fehlenden Ordnungssystem zu widmen. Am Fenster zieht es und der Mitbewohner legt einen alten Teppich als Zugwurst an den pfeifenden Spalt. Dann zieht es nicht mehr. Eine ungeheuerliche Erinnerung ist übrigens der letzte Besuch des C&A`s am Ku`damm vor einem Jahr. Niemals werde ich dieses Elend dort vergessen. Klamotten ohne Seele, ein Tempel der lieblosen Warenanpreisung. Die Maske tat ihr Übriges. Kein Vergleich zum Besuch davor, der vermutlich Anfang der Tausender Jahre stattgefunden hatte. Man freute sich damals tatsächlich noch auf eine neue Hose, ähnlich wie Martin Schwab als Peymann sich in Bernhards „Hosenstück“ am Burgtheater, ganz enorm über eine solche freute, freute ich mich ebenso damals. Heute bestellt man alle Grössen im Netz, pupt hinein und schickt alles zurück, um sich dann nochmal eine Ladung in einem anderen virtuellen Massengrab zu bestellen. Tragt doch mal wieder was auf, Leute! Also die Hose mal wieder so lange tragen, bis sie einem vom Leibe fällt. Wie wärs? Du dämliches bzw. männliches Konsumentenvolk.

© Bettie I. Alfred, 4. Mai `21

when the shit hits the fan

April 29, 2021

Tiere sind für den Menschen wichtige Mitexistenzen in einer Daseinskrise, deshalb werden sie oft thematisiert, aber auch oft unterschätzt und übersehen. Auch ich bin Tierfan, besonders von denen, die sehr weich sind, fellige bunte Haufentiere. Am liebsten sind mir mein Kater und die Hummeln an sich. Aber auch vogelartige Tiere mag ich leiden, z.B. ein Pinguin. Eine Sorte heisst in der Fachsprache auch Riesenalk, diese Gattung ist leider schon ausgestorben. Aussterben ist irgendwie etwas Ungutes. Die Tiere haben weiterhin Korpulation, aber es reicht einfach nicht um den Bestand zu festigen und schwubs sind sie weg vom Fenster. Selbst der Ameisenigel (auch Schnabeligel genannt), der äußerst robust wirkt, wenn man ihn so sieht, stirbt bald aus. Für mich ist das nicht ganz so dramatisch, da er ja stachelig ist und somit jemandem ziemlich weh tun kann beim Näherkommen. Ich nutze Tiere meist zum Aufwärmen und das geht mit Stacheltieren so nicht. Täte der Mensch aussterben, würde das übrigens niemandem etwas ausmachen, schon gar nicht den Tieren. Er ist komplett unnötig im Universum und seine Gier nach Macht und finanzieller Absicherung ist nicht zu ertragen. Auch die Tendenz, immer alles besser zu wissen, ist unerträglich. Oft will er für seinen aufgeplustertem Zustand auch noch einen Orden bekommen. Wenn schon Aversionen rausmüssen, dann sollten sie wenigstens demokratisch über das Gegenüber gestülpt werden. 

                                                                       kleine Pause

Ein Bekannter klingelte genau da, wo der eine Gedankengang zu Ende war und wollte, nach seinem  Einkauf unbedingt mit mir eine Filmaufnahme von und mit Frank Zappa gucken, worauf er ein Lied namens Dancing Fool singt. Der Bekannte ist ein extremer Frank Zappa-Fan. Ich dagegen interessiere mich überhaupt nicht für diese aufgeplusterte Art Mensch, was der Bekannte vollkommen ignorierte. Um ihm eine Freude zu machen zog ich mir das Ganze dann trotzdem kurz rein, in der Hoffnung es gäbe als Belohnung Chiochips oder ähnliches. „Schöne Coverversion!“ sagte ich im Anschluß, um beteiligt zu wirken, und weil ich auch dachte, dass es so sei.
„Wieso Coverversion?“ fragte der Bekannte dann und ich erklärte mich: „Na, der Song ist doch eigentlich von Abba, oder?“ Er stutzte und ich wiederholte mich, weil ich tatsächlich dachte, dass es so sei: „Dancing Fool“ ist doch eigentlich von Abba, oder nicht?“ Der Bekannte riss die Augen dann weit auf. Ich begriff nun, dass ich wohl Stuss redete. Er fuhr mich dann übertrieben stark an: „Du meinst Dancing Queen …. nicht Dancing Fool. Das klingt total anders! Du hast keine Ahnung!“
Er war sichtlich betroffen von meinem Unwissen und wurde dann schließlich bräsig. Ich bockte mich aus der Situation ab und wurde einfältig. „Ist mir doch egal!“ sagte ich dann, da ich nichts mit seiner Aufregung gemein haben wollte und zog dann abrupt die Flipstüte, deren Ecke aus seiner Einkaufstüte heraus schaute, aus eben dieser Einkaufstüte, vollkommen ohne zu fragen, heraus.
„Hm, lecker Flips!“ wandelte sich schlagartig, als er die Tüte erblickte, seine verfinsterte Miene in eine positive, denn er entspannte sich, weil er umgehend Speichelfluss bekam. Wir aßen dann alle Flips auf und kugelten danach zu moderner Gongmusik am Boden herum. Dann erklärte er mir noch was die englische Redewendung when the shit hits the fan bedeutet.
Ich hatte das Ruder wiedermal erfolgreich herum gerissen. 

© Bettie I. Alfred

Ein Mensch mit einem übermässigen Literaturbedürfnis ist meiner Erfahrung nach immer ein Mensch mit weichen Knochen

April 27, 2021

Nachdem ich mir ein abgefilmtes Bernhardstück angesehen habe, schaue ich mir als Unterstreichung des Ganzen ein Interview mit Gert Voss zu jenem an. Ein angenehmes Interview. Eins, was sich nicht darum dreht, dass Th. B. so irrsinnig böse und beleidigt war, sondern eins was sich mit seiner (ich ahne nun Aufschreie, die ich gerne in Kauf nehme) Weichheit und Verletzlichkeit auseinandersetzte. Auch mich fasziniert keineswegs Bernhards Zynismus, den er unbestritten ab und an, ich möchte sagen, ungefiltert „heraushaute“. Nein, das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist das, was er sozusagen nebenher mit noch viel grösserem Verve als den bekannten Ärger, verteilte. Eine ungeheure Traurigkeit in Verbindung mit einer Lebensklugheit, die mich immerzu, wenn ich mich mit ihm auseinandersetze, anspringt wie ein zu greller Sonnenstrahl. Ein Mensch mit einem übermässigen Literaturbedürfnis ist meiner Erfahrung nach immer ein Mensch mit weichen Knochen. In einem alten von Nachbarn, warum auch immer, ausrangierten Buch über Denkmale in Niedersachsen, entdecke ich unsagbar schöne Fotografien von einem sogenannten Hinüberschen Garten. Ein Leben zu führen, in dem ich mich ausschließlich der Betrachtung solcher Fotografien widme, stelle ich mir wunderbar vor. Leider muss man mehr tun, als das. Im Kapitel Hannover entdecke ich eine Von-Alten-Allee und eine Fotografie eines sogenannten Torhauses des ehemaligen von Altenschen Gartens. Hannover, noch nie hat mir jemand von diesem Ort vorgeschwärmt. Langweilig sei es durch und durch. Und nun das! Man sollte nichts glauben, was man nicht selbst gesehen und überprüft hat. Entdecke dann auch noch eine Hanomagstrasse. Sie ist tatsächlich nach der dort gelegenen Fabrik, in der man Hanomags herstellte benannt. Das Verwaltungsgebäude ist so prächtig, dass man vergisst, worum es eigentlich geht. Um Blechkisten, die die Luft verpesten. Lieber täte ich jedoch an jener Pest sterben, die ein Hanomag verbreitet, als an zeitgemäßen Ablüften. Zugegebenerweise ist dies allerdings reine Spekulation.


© Bettie I. Alfred, 27.4.21